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Eigentlich ist doch alles gut. Warum fehlt mir trotzdem etwas?

12. Sep.
4 Min. Lesezeit

Es ist Samstagmorgen und ich sitze mit einer Tasse Kaffee auf der Terrasse. Die Sonne scheint, irgendwo zwitschern Vögel und aus der Küche riecht es noch nach frischem Kaffee. Vor mir liegt ein freier Tag, ich habe keinen Termin und eigentlich auch nichts, was heute unbedingt erledigt werden müsste.


Ich nehme einen Schluck aus der Tasse, schaue in die Landschaft und geniesse diesen Moment. Einfach hier sitzen, die Sonne im Gesicht spüren und einmal nichts müssen. Eigentlich könnte ich gerade rundum zufrieden sein.


Und trotzdem taucht plötzlich dieses Gefühl auf, das ich bereits kenne und nie so richtig greifen kann. Mir geht es gut, wirklich, aber da ist trotzdem dieses Gefühl, dass mir irgendetwas fehlt.


Ich beginne darüber nachzudenken, was das sein könnte. Vielleicht bin ich einfach müde, vielleicht waren die letzten Wochen etwas viel, vielleicht brauche ich wieder einmal Ferien oder sollte mehr rausgehen. Und fast gleichzeitig kommt dieser andere Gedanke: Was hast du eigentlich? Dir geht es doch gut.


Ich habe ein Zuhause, einen Job, Menschen in meinem Leben, die mir wichtig sind. Ich kann mir schöne Dinge leisten, in die Ferien fahren, essen gehen und mein Leben so gestalten, wie ich es will. Andere Menschen haben wirkliche Sorgen.


Warum also sitze ich hier und habe das Gefühl, dass etwas fehlt?


Der Kaffee ist inzwischen leer und ich nehme die Tasse mit in die Küche. Dort steht noch das Geschirr vom Frühstück, also räume ich erst einmal auf. Dann fällt mir ein, dass ich noch einkaufen wollte. Auf dem Weg beantworte ich eine Nachricht, im Laden treffe ich jemanden, den ich kenne, und wir reden ein paar Minuten miteinander. Als ich wieder zu Hause bin, packe ich die Einkäufe aus, erledige den Haushalt und dann schaue ich mir YouTube Videos an.


Und irgendwann denke ich gar nicht mehr darüber nach.

Der Tag hat seinen Lauf genommen, ich habe immer irgend etwas zu tun oder finde etwas, womit ich mich beschäftigen kann und "schwups", dieses merkwürdige Gefühl vom Morgen ist verschwunden.


Vielleicht kennst du solche Momente auch. Nicht die Zeiten, in denen wirklich etwas passiert ist und du genau weisst, warum es dir nicht gut geht. Ich meine diese ganz normalen Tage, an denen eigentlich alles in Ordnung ist und du trotzdem manchmal spürst, dass etwas nicht ganz gut ist.


Vielleicht ist es eine innere Unruhe, obwohl es dafür gerade gar keinen Grund gibt. Vielleicht ertappst du dich bei dem Gedanken: "Ist das nun mein Leben?" Oder du hast einfach dieses schwer zu beschreibende Gefühl, dass dir etwas fehlt, ohne sagen zu können, was es eigentlich ist.


Und dann machen wir oft genau das, was ich an diesem Samstagmorgen gemacht habe: Wir erklären uns selbst, warum wir dieses Gefühl eigentlich gar nicht haben dürften.

Wir haben doch so vieles, wir haben uns doch wirklich nicht zu beklagen. Wir haben in unserem Leben vieles gemacht, vieles erlebt und waren oft für andere da. Wir haben Entscheidungen getroffen, unseren Alltag gemeistert und sind unseren Weg gegangen. Vielleicht ist unser Leben sogar ziemlich genau so geworden, wie wir es uns vor vielen Jahren einmal vorgestellt haben.


Nur haben wir uns selbst in all den Jahren auch verändert.


Dinge, die uns früher wichtig waren, haben heute vielleicht nicht mehr dieselbe Bedeutung. Entscheidungen, die einmal richtig waren, passen nicht mehr zu unserem Leben und Wünsche, die wir einmal hatten, sind irgendwann in den Hintergrund gerückt, weil anderes wichtiger war. Und irgendwann merken wir vielleicht, dass wir schon lange nicht mehr darüber nachgedacht haben, was wir selbst eigentlich wollen.


Das heisst nicht, dass wir plötzlich unser ganzes Leben infrage stellen oder alles hinschmeissen und noch einmal von vorne anfangen müssen. Vielleicht hat sich einfach etwas in uns verändert und wir haben es noch gar nicht richtig wahrgenommen.

Aber vielleicht lohnt es sich, dieses Gefühl nicht gleich wieder wegzuschieben, nur weil wir noch nicht erklären können, woher es kommt.


Denn was wäre, wenn diese Unruhe oder diese leise Unzufriedenheit gar nicht sagt: "Dein Leben ist falsch" Was wäre, wenn sie einfach fragt: "Wo bist du in diesem Leben? Wo ist diese pure Freude? Wo ist diese Unbeschwertheit, die als Kind dein Leben bestimmt hat?"


Am Abend sitze ich auf dem Sofa und schaue auf den Fernseher, ohne wirklich mitzubekommen, was gerade läuft, weil dieses Gefühl vom Morgen plötzlich wieder da ist.


Dieses Mal greife ich nicht gleich zum Handy und ich stehe auch nicht auf, um noch irgendetwas zu erledigen. Ich sitze einfach da und lasse die Frage einen Moment stehen.


Was fehlt mir eigentlich?

Ich weiss es nicht.


Aber während ich darüber nachdenke, merke ich, dass die Frage vielleicht eine andere sein müsste. Vielleicht geht es gar nicht darum herauszufinden, was meinem Leben noch fehlt.

Vielleicht fehlt mir nicht etwas in meinem Leben.


Vielleicht fehlt mir etwas von mir.


Vielleicht geht es gar nicht darum, noch etwas zu finden. Vielleicht geht es vielmehr darum, wieder mehr von mir selbst zuzulassen. Mich nicht ständig zurückzunehmen oder danach zu richten, was von mir erwartet wird, sondern mich zu zeigen, wie ich wirklich bin. Mit dem, was ich denke, fühle, will und was mir wichtig ist.


Und plötzlich finde ich die Frage gar nicht mehr so unangenehm.


Vielleicht muss ich heute noch keine Antwort darauf haben. Vielleicht reicht es fürs Erste, sie nicht gleich wieder wegzuschieben.


Oft wissen wir ziemlich genau, was wir tun müssen, was andere von uns erwarten und was gerade vernünftig wäre. Aber wann hast du dich das letzte Mal gefragt, was du selbst eigentlich willst – oder wer du bist, wenn du nichts sein musst?


Vielleicht nimmst du dir einfach einen Moment Zeit und fragst dich:


Wenn du für einen Moment nicht darüber nachdenken würdest, was vernünftig ist, was andere von dir erwarten oder was du tun solltest – was würdest du dir für dein Leben wirklich wünschen?


Vielleicht kommt die Antwort sofort. Vielleicht auch nicht.


Aber vielleicht lohnt es sich, ihr ein bisschen Raum zu geben.


Denn...

... es geht um dich. 💛


Munay Sonqo 💛, Tanja

 
 
 

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Tanja Beyeler

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Wu wei

Wer je in seinem Leben eine tiefgreifende Existenzkrise durchgemacht hat, erinnert sich vielleicht: die Wende zum Besseren trat genau in jener Phase ein, da man aufgehört hatte zu kämpfen. Aufhören mit sinnlosen Kämpfen, leben im Augenblick, sich nach dem Fluss des Lebens richten - das bedeutet wu wei. Von Theodor Fischer aus Wu wei, Die Lebenskunst des Tao"

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